Mehr zum Heilpädagogischen ReitenSt. Ludwig bietet nun schon seit November 1993 das Heilpädagogische Reiten in seiner Einrichtung an. Anfangs stand die zuverlässige und menschenfreundliche Haflingerstute Romy für die Reitstunden zur Verfügung. Nachdem in den folgenden Jahren das Reiten bei den Mädchen großen Anklang fand, wurde im Juli 1995 noch ein zweites Pferd Namens „Ulrike“ gekauft. Die Stute war trächtig und bekam im Februar 1996 ein kleines Hengstfohlen, welches auf den Namen "Nando" getauft wurde. Inzwischen sind die Romy und die Ulrike durch jüngere ersetzt worden: Nurmi und Magic heißen sie.
Ob Sonne, ob Regen stets gehn wir zum Pflegen! Die Pferde sind im Nachbardorf Lindach bei Herrn Wiederer untergebracht und werden von den Mädchen geritten und gepflegt. Vor einer Reitstunde müssen die Pferde nach Anleitung der Betreuerinnen von den Mädchen geputzt werden. Desweiteren wird das Anlegen von Zaumzeug und Sattel und das Hufeauskratzen geübt. Ist das Pferd dann soweit reitfertig vorbereitet, gehts in die Reitbahn oder in die Halle. Die Anfängerin beginnt ihren Unterricht an der Longe - die etwas fortgeschrittenere Reiterin darf bereits ohne Leinenführung in der Bahn nach Kommandos ihre Runden drehen - teils mit oder ohne Sattel. Die schon fest im Sattel sitzenden haben die Möglichkeit, unter Begleitung ins Gelände auszureiten. Am Ende einer Reiteinheit muß das Pferd dann wieder abgesattelt und abgetrenst, gebürstet und versorgt werden. Die Mädchen erlernen die Pflege des Pferdes vor und nach dem Reiten und haben die Möglichkeit, wenn sie sicher im Umgang mit dem Pferd sind und Zuverlässigkeit bewiesen haben, die sog. Pflegerlaubnis zu erwerben, d.h. die Mädchen dürfen dann alleine, ohne daß eine Betreuerin zugegen ist, die Pferde putzen und versorgen. Aber nicht nur der praktische Teil gehört zum Reiten, sondern es werden auch immer wieder von den Reitlehrerinnen Theoriestunden für die Reitschülerinnen durchgeführt, um den Mädchen ein Grundwissen über Pferde, Pferdepflege und Reitlehre zu vermitteln. Heilpädagogisches Reiten - was verbirgt sich dahinter?
Der Begriff Therapeutisches Reiten dient als Oberbegriff: Die Bereiche oder Formen des Therap. Reitens lassen sich je nach Zielsetzung und Schwerpunkt der verschiedenen Fachrichtungen folgendermaßen gliedern: Hippotherapie (Krankengymnastischer Bereich), Behindertenreiten und Heilpädagogisches Reiten. Beim Heilpädag. Reiten und Voltigieren, welches in St. Ludwig angeboten wird, handelt es sich um Reiten nach den Richtlinien der traditionellen Reitlehre, wobei der sportliche Aspekt in den Hintergrund rückt. Im Vordergrund stehen die Möglichkeiten, durch das Reiten und den Umgang mit dem Pferd positive Verhaltensänderungen herbeizuführen und Verbesserungen im emotionalen, motorischen und sozialen Bereich zu erlangen - den Spaß nicht zu vergessen! Im motorischen Bereich bestehen z.B. folgende Zielvorstellungen: Nutzung des rhythmischen Bewegungsablaufes zum Zwecke der Lockerung und Entkrampfung; Steigerung von Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit; Beherrschung von Gleichgewicht und Koordination (z.B. durch "den sich bewegenden Untergrund" muß sich die Reiterin immer wieder bemühen, das Gleichgewicht zu halten. Durch die rhythmischen Bewegungen kommt es immer wieder zu neuen Bewegungsanreizen und Bewegungsanforderungen und dadurch zu erweiterten Bewegungserfahrungen.) Im emotional-kognitiven Bereich bestehen Zielvorstellungen wie: Wahrnehmungsschulung, Annehmen der Korrekturen von einem Erwachsenen, Aufbau von Verantwortungsbewußtsein, Stärkung des Selbstwertgefühls und des Vertrauens in die eigene Leistungsfähigkeit. Im sozialen Bereich bestehen z.B. folgende Zielvorstellungen: Anerkennung und Einhalten von Regeln, Helfen und Hilfe annehmen, Aufbau von Beziehungen und Vertrauen zum Partner, Abbau aggressiver Verhaltensweisen, Aufbau von Freundschaften.
Besonderheiten des Heilpädagogischen Reitens
Eines der Hauptmerkmale, durch die sich das Heilpädagogische Reiten von anderen therapeutischen Maßnahmen unterscheidet, ist die Arbeit mit dem Lebewesen. Der Mensch besitzt das angeborene Bedürfnis, mit Lebendigem - Mensch,Tiere - umgehen zu wollen. Das Pferd übt einen Reiz auf die Jugendlichen aus. Die Jugendlichen bringen eine hohe Motivation zum Reiten und Voltigieren mit und damit eine erheblich größere Lernbereitschaft als bei anderen Therapieformen. Die Motivation wird von Gedanken und Gefühlen geleitet , wie sich fortbewegen, sich tragen lassen, bewähren und durchsetzen müssen. Die Jugendliche kann sich über ihren Körper mitteilen und empfängt vom Pferd und seinem Körper Signale und Mitteilungen. Körperliches und seelisches Fühlen und Empfinden wird wach. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen werden durch den Motivationscharakter des Pferdes gefördert. Mit jeder neuen Übung, Gangart oder Einwirkungsmöglichkeit auf das Pferd erfährt die Jugendliche positive Selbsterfahrung. Die Jugendliche erhält das Gefühl, daß sie etwas leisten kann.
Erleichterte Kontaktaufnahme Das Pferd stellt keine besonderen Anforderungen oder Leistungen an die Jugendliche. Das Tier reflektiert Angst, Ungeduld, Unruhe oder falsche Behandlung unmittelbar durch seine Reaktion. Die Mädchen können dadurch lernen, das Verhalten des Tieres als Reaktion auf ihr eigenes Verhalten einzusehen und einzuschätzen. Es fordert die Jugendliche zum Handeln und zum Reagieren auf. Die Kontaktaufnahme und Aufrechterhaltung der Beziehung wird durch die Wesenseigeneigenschaft des Pferdes erleichtert. Das Tier garantiert eine Konstanz der Beziehung und gibt der Jugendlichen dadurch emotionale Sicherheit.
Arttypische Bewegung Die Bewegungen des Pferdes verlaufen dreidimensional d.h. horizontal durch Beschleunigung oder Hemmung der Geschwindigkeit, vertikal durch das Auf und Nieder des Ganges und nach links und rechts durch Verwindung des Rumpfes des Pferdes beim Gehen. Das Pferd kann durch diese Impulse der Jugendlichen Eindrücke vermitteln, die durch kein anderes „Übungsgerät“ zu ersetzen sind. Der Körperrhythmus des Pferdes überträgt sich auf die Reiterin. Die Bewegung und Wärmeausstrahlung seines Körpers und Fells wirken lockernd und entspannend für die Reiterin und sprechen direkt den Gefühlsbereich an. Durch die rhythmische Bewegung des Pferdes kann nicht nur das Gleichgewicht geschult werden, sondern es können sowohl körperliche als auch seelische Verkrampfungen gelöst werden.
Weitreichendes Umfeld Eine Besonderheit des Heilpädagogischen Reitens, gegenüber anderen Therapieformen ist das weitreichende Umfeld des Pferdes, bzw. des Reitens, mit dem die Jugendlichen in Berührung kommen und der nähere Kontakt mit der Umwelt. Beispielsweise helfen die Jugendlichen bei der Vorbereitung des Pferdes zum Reiten, d.h. Putzen des Pferdes, Satteln und Trensen, Hufe auskratzen. Ebenfalls sind am Ende einer Übungseinheit eine Reihe von Aufgaben zu erledigen, bei welchen die Jugendlichen mithelfen können (sogar sollen- z. B. Trense und Sattel abnehmen, Fell bürsten, trocken führen, füttern) und dadurch besondere Erlebnisse erfahren.
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