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Antonia Werr Zentrum  > Von-Pelkhoven Schule

Laufen für die Seele

Artikel aus dem Schweinfurter Tagblatt vom 29.9.03:

Laufen für die Seele

 

Wipfeld Mens sana in corpore sana - in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Diese Weisheit ist wohl jedem schon einmal über den Weg gelaufen. Doch dass Laufen auch der Psyche gut tut, das haben 14 Mädchen der Von-Pelkhoven-Schule des Antonia-Werr-Zentrums am eigenen Leib erfahren.

"Wenn ich Stress in der Gruppe habe, dann fühle ich mich nach dem Laufen wieder frei im Kopf", sagt Melanie. Daniela kann sich da nur anschließen: "Ich freu mich schon immer auf das Joggen." Ein Jahr lang nahmen die beiden an einer Studie teil. Wissenschaftliche Theorie im Praxistest.

Eine Buchvorstellung mit dem Titel "Laufen und Joggen für die Psyche" brachte den Stein ins Rollen. Schon lange wollte man im Antonia-Werr-Zentrum "noch mehr für die körperliche Fitness" der Mädchen und jungen Frauen tun, so Schulleiter Norbert Schneider. Christine Hetzner, Lehrerin an der Von-Pelkoven-Schule, nahm Kontakt mit dem Buchautor Professor Dr. Ulrich Bartmann auf. So wurde der Weg für eine fruchtbare Verknüpfung von Forschung und Praxis gebahnt. Im Rahmen seiner Diplomarbeit führte Christian Specht gemeinsam mit engagierten Lehrerinnen und Erzieherinnen ein halbjähriges Lauftraining mit 14 Mädchen durch.

"Die Mädchen haben sich im Rahmen ihrer Wahlfächer freiwillig für das Lauftraining angemeldet", erklärt Lehrerin Christine Hetzner. Zweimal pro Woche stand für die Mädchen "Laufen" auf dem Programm. Ausreden gab's nicht. Wer sich angemeldet hatte, sollte durchhalten. "Manchmal war es schon echt hart", berichten die Mädchen, besonders wenn es im Winter bald dunkel wurde; Regen, Schnee oder vereister Boden nicht unbedingt einladend wirkten. "Aber hinterher war man immer froh, dass man doch gelaufen ist", da sind sich alle einig.

Für den betreuenden Sozialpädagogen Christian Specht stand die Frage im Vordergrund, ob die Durchführung eines standardisierten Laufprogramms zu messbaren Veränderungen im Bereich der Psyche führe.

Nach jedem Lauftraining teilte er "Evaluations-Kärtchen" an die Läuferinnen aus, auf die anonym Lob, Kritik oder Empfindungen geschrieben wurden.

"Die Begeisterung war anfangs sehr groß", sagen die betreuenden Lehrerinnen Christine Hetzer und Susanne Bauer. Schließlich bedeuteten die Trainingsstunden auch "mal raus zu kommen". Selbst wenn es mancher nach einigen Wochen nicht leicht fiel, sich nach einem langen Schul- oder Arbeitstag aufzuraffen - die Stimmung nach jedem Lauf war immer geprägt von "Ausgelassenheit, Zufriedenheit und Stolz auf das Geschaffte".

Damit niemand überfordert wurde, hielt sich Specht, damals Student der Fachhochschule Würzburg, genau an das Laufprogramm seines Professors: Zwei Minuten Laufen wechselten ab mit dreiminütigem Gehen. Nach sechs Intervallen hatten die Mädchen das erste Training überstanden. Für Professor Dr. Ulrich Bartmann steht fest: Das langsame Laufen ohne Tempo- und Leistungsdruck führt zu einem enormen Auftrieb des Selbstwertgefühls. "Man schafft Dinge, die man sich anfangs nicht zutraut", so der Psychotherapeut. Dadurch nähmen auch die Ängste vor anfangs unüberwindlich erscheinenden Aufgaben ab. Wer beim Laufen erfahren habe, dass große Aufgaben durch kleine Schritte gemeistert werden können, der könne auch seine Versagensängste auf anderen Gebieten durch diese positiven Erfahrungen abbauen.

Und tatsächlich veränderte sich bei den teilnehmenden Mädchen so einiges während des "laufenden Schuljahres": Specht stellte anhand eines mehrfach durchgeführten Persönlichkeitstests fest, dass sich die Selbstakzeptanz, das Selbstvertrauen und die Zufriedenheit der Mädchen signifikant gesteigert hatten.

Für alle Beteiligten steht außer Frage: Das Laufen hat zu positiven Veränderungen geführt. Klar, dass so eine Erfahrung nicht mit dem letzten Satz der Diplomarbeit des Betreuers aufhören darf. Die Laufgruppe gibt es weiter, sie wurde sogar um eine Fortgeschrittenen- und eine Walking-Gruppe erweitert. Einige Mädchen haben die Laufschuhe wieder an den Nagel gehängt, andere sind dazu gestoßen. Jasmin hat mit dem Laufen wieder aufgehört. Für sie hat die Ausbildung begonnen. Doch irgendwas vermisst die junge Frau. Sie überlegt schon: "Vielleicht mach ich ja irgendwann doch wieder mit".

Von Susanne Marquardt